Da näherten sich schon Reiter, die uns vor der Stadt entgegen kommen
sollten. Es waren fränkische Krieger, stark gerüstet und gepanzert,
aber viel wilder ausschauend als unsere eigenen Wachen. Angeführt
wurden sie von einem jungen Mann, der griechisch sprechen konnte, wenn
auch mit einem starken Akzent. Er stellt sich als Dietrich, Hodos Sohn,
von Wettin vor. Sein Burgkaplan hatte ihm griechisch beigebracht.
Begleitet wurde er von einer jungen Römerin, ihr Name war Maria di
Carmel. Sie sollte uns die Stadt zeigen, wie Dietrich erklärte. Nachdem
wir das von den Franken notdürftig mit Holz abgestützte Tor
durchschritten hatten, sahen wir, was die Barbaren aus dem einst so
blühenden Rom gemacht hatten - eine einzige Ruine! Menschen, wenn man
sie
so bezeichnen kann, ganz unterschiedlichen Aussehens gingen ihren
Alltagsbeschäftigungen nach. Sie weideten ihre Schafe im Kolosseum und
Prostituierte boten sich in ehemaligen Tempeln an. Um unseren Eindruck
über Rom zu verbessern, zeigten Maria und Dietrich uns die kulturellen
Errungenschaften, die die Franken erreicht hatten. Achtlos an allen
alten Ruinen vorbeigehend präsentierte sie uns stolz jedes ihrer neu
errichteten Gotteshäuser, langweilte uns mit zig Geschichten über die
dort begrabenen Heiligen. Dietrich sah plötzlich nach dem Stand der
Sonne und sagte dann:
"Es tut mit Leid, dass ich euch nicht noch den
Leidensweg des heiligen Petrus berichten kann, aber unser Kaiser
Otto wartet. Und er neigt zu unkontrollierten Handlungen, wenn er zu
lange wartet."
Er führte uns aus der Kirche hinaus durch ein paar
verwinkelte Gassen zu einem alten Palast, in dem Ottos Pfalz errichtet
war. Dort wurden wir ohne lange Umschweife zu Otto I.geführt.
"Dietrich und Maria!!" brüllte Otto I "wo wart ihr solange? Habt ihr
ihnen etwa wieder eure ganzen Märtyrer- und Heiligengeschichten
aufgetragen?"
"Wir dachten doch nur...." stammelten die beiden so
plötzlich attackierten.
"Ihr sollt nicht denken !!!! Hab ich euch doch
schon tausend Mal gesagt!!", brüllte Otto I weiter "Ich sagte: Zeigt
ihnen
im VORBEIGEHEN etwas, aber vertrödelt nicht den halben Tag!!! Und nun
schert euch weg!!" Zu uns gewandt sagte er auf einmal ganz leise :
"Ihr
dürft natürlich bleiben, meine lieben Gäste." Währenddessen
schlichen sich Dietrich und Maria mit gesenktem Haupt aus dem Raum. Der
erste Otto, der Kaiser, schien ein strenger Herr zu sein. Wir waren
gespannt, wie der kleine Otto, Otto II. sein würde. Aber vorher lernten
wir noch Königin Adelheid kennen und die war noch strenger. Als wir vor
sie traten, wussten wir gleich, dass mit ihr nicht gut Kirschenessen
war.
"Wer ist den die da?", fragte sie in einem sehr abstoßenden Tonfall.
"Ich bin Theophanu, die Nichte des byzantinischen Kaisers.", antwortete
unsere Herrin höflich. Sofort fiel Adelheid ihr ins Wort : "Na, da hört
man es
mal wieder, nur seine Nichte bist du und nicht seine direkte
Nachkommin, stimmst du mir zu, Otto?"
"Passt trotzdem!" sagte Otto bestimmt.
Diese Bemerkung schien sie völlig zu ignorieren.
"Sie ist weder hübsch,
noch intelligent und zu jung ist sie auch!", schimpfte sie wütend.
"Also wenn du mich fragst, ist sie ganz in Ordnung.", meinte Otto in
einem Ton, der keine Widerrede erlaubte. Adelheid drehte sich ruckartig
zu unseren Begleitern um und fauchte sie schnippisch an :"Bringt sie
auf ihre Gemächer!" Daraufhin verließ sie uns mit schnellen Schritten.
"Na, mit der wird meine Herrin noch viel Spaß haben", dachte ich.
"Ich werde Euch begleiten?", sagte Otto zu Theophanu.
"Gerne, aber wo
werden wir übernachten?"
"In meiner Pfalz natürlich, also
wenn Ihr mir bitte folgen würdet ?!" Der Kaiser brachte uns selbst
dorthin. Ihm schien Theophanu zu gefallen. Theophanu folgte ihm und wir
gingen hinterdrein. Die Pfalz war ganz annehmbar und unsere Zimmer
waren auch in Ordnung. Man merkte auch an der Stimmung in der
Pfalz, dass hier wichtige Ereignisse bevorstanden. Zum Einen das
Osterfest, das in der ganzen Christenheit gefeiert wurde, zum anderen
die Hochzeit unserer Herrin.
Kurz nach Ostern 972 : Hochzeit in Rom
Wir lebten eine Zeit lang auf der schönen Pfalz und der Tag der
Hochzeit rückte näher und näher. Es wurde die ganze Stadt,
jedenfalls, soweit es möglich war, für die Osterfeierlichkeiten
geschmückt. Wir schauten derweil, ob das Hochzeitskleid unserer Herrin
die Reise gut überstanden hatte. Das Kleid war blau mit goldener
Schleppe. "Es ist traumhaft", schwärmte Elisabeth.
Nach Ostern war es soweit. Der große Tag war gekommen. Aber vorher
erwartete uns noch eine Überraschung. Nicht nur Theophanu sollte
verheiratet werden, sondern auch wir Mägde. Als Otto uns schöne
Byzantinerinnen gesehen hatte, hatte er uns sofort einigen verdienten
jungen Vasallen versprochen. Franziska war darüber so empört, dass sie
es vorzog, mit der byzantinischen Wachmannschaft nach Bari
zurückzukehren und sie wurde von unserer Herrin in Ehren entlassen.
Maria, die Römerin, die auch an diesem Tag den Ritter Dietrich heiraten
sollte, stellte uns unseren Anwertern vor. Sie waren groß, jung und
blondhaarig. Dennoch kam alles ganz anders. Denn Theophanu, die rasch
in Ottos Gunst stand, setzte beim alten Kaiser durch, das sie ihre
Dienerinnen behalten durfte. Als Ersatz für Franziska bekam sie
Maria und Dietrich hatte das Nachsehen. Auch Johannes Philagatos, ihr
Lehrer, blieb bei unserer Herrin.
Am Hochzeitstag trugen wir zu dritt die aufwendige Schleppe unserer
Herrin und Theophanu wurde in der Basilika von St. Peter mit Ottos Sohn
vermählt, der auch Otto hieß. Er war auf jeden Fall kein solcher Barbar
wie sein Vater. Wir hatten ihn sogar lesen sehen. Der damalige
Papst persönlich traute das Paar. Aber überall standen die Getreuen
Ottos mit blanken Schwertern. Sie trauten den Römern und dem römischen
Klerus nicht. Das war zu merken. Sogar die deutschen Bischöfe trugen
lange Messer zwischen den Falten ihrer Gewänder. Danach begannen
die Feierlichkeiten. Wir waren hauptsächlich damit beschäftigt, unsere
Herrin zu bedienen. Deswegen wollen wir die Tischsitten der Sachsen
auch mit Schweigen übergehen. Seltsamerweise fühlte sich unsere Herrin
ganz wohl.
"Hier benehmen sich die Menschen wenigstens wie sie sind. Wenn sie
Schweine sind, siehst du sofort, sie sind Schweine. Es ist nicht so
versteckt wie in Konstantinopel."
Und der kleine Otto gefiel ihr wohl auch gut, das war zu merken. Wir
freuten uns schon auf den Hof der Adelheid in der Hauptstadt
Pavia. Da war es hoffentlich nicht so verfallen und armselig wie in
Rom.
Wie es auf der Reise nach Pavia zuging, berichtet Rebekka
im nächsten Teil ...

Dr. Seltsam merkte jedoch noch an: "Merkwürdig, dass Rebekka gar nicht
angemerkt hat, dass der junge Otto und seine frisch angetraute Frau bei
dieser Gelegenheit zum Kaiser gekrönt worden waren. Auch war die
Stadtmauer nicht in einen derartig schlimmen Zustand, denn die Päpste
haben sie neu errichten lassen. Sollten sich die Chronisten so geirrt
haben?"
Wir waren aus einem anderen Grund betroffen: Noch ein, zwei Jahre, dann
waren wir genauso alt wie Theophanu zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit in
Rom. Würden wir uns dann vorstellen können, jemanden liebzuhaben und zu
heiraten ? Ganz sicher nicht !