Ende April verließen wir Rom. Unsere Reise ging über Ravenna und
Brescia nach Pavia. Der Weg war keineswegs einfacher als als das letzte
Mal, zumal er uns über die Apenninen führte. Aber diesmal durften auch
wir Dienerinnen zu Pferd sitzen. Ritter Dietrich war unser persönlicher
Beschützer.
Außer ein paar
Rechtssprechungen, Bischofsernennungen usw., verlief die Reise recht
ereignislos. Da wir einigermaßen schnell reisten, kamen wir auch recht
schnell in Pavia an. Dort machten wir etwas länger Rast und nahmen
Unterkunft in der Residenz der Adelheid war. Die zwei Herrscherpaare
hatten hier ihre königlichen Pflichten auszuüben. Die Römerin Maria
passte
sich sehr
schnell den Gegebenheiten an. Sie war für Franziska ein
willkommener Ersatz, da uns deren ständige Beschwerden nicht mehr zu
Ohren kamen.
Maria musste den örtlichen Dialekt für uns übersetzen, da wir nur
griechisch sprachen. Aber sie war eine gute Lehrmeisterin und brachte
uns die Zungen der Italiener und der Franken bei.
Schwerer als wir hatte es da schon unsere Herrin. Und das lag an der
Kaiserin Adelheid. Auch wenn Otto, der Sohn, versuchte, seine
Mutter von Theophanu zu überzeugen, hatte er damit nicht viel Erfolg,
denn sie blieb stur bei der Meinung , dass diese nicht gut genug für
ihn
war.
Wie wir auch gehofft hatten, besaß Pavia um einiges mehr an Glanz als
Rom, obwohl es kleiner war. Hier war einst Karl der Große, der mächtige
Frankenkaiser, von dem wir selbst in Konstantinopel gehört hatten, zum
König von Italien gekrönt worden. Anders als die improvisierte Pfalz in
Rom war die Residenz der Adelheid sehr prunkvoll.
Kaiser Otto erledigte hier seine Regierungsgeschäfte und bereitete
seine Rückreise nach Sachsen vor. Schon aus Rom hatte er seinen Kaplan
Dodo mit vielen Heiligengebeinen vorausgeschickt. Schamlos hatten die
sächsischen Ritter Gräber erbrochen und Knochen zusammengerafft. Von
Pavia aus sandte er römische Säulen und anderen Schmuck mit
schwerbeladenen Wagen voraus, um in Magdeburg für sein neues Erzbistum
mehrere prunkvolle Kirchen zu bauen.
Auch viele seine Ritter litten unter Heimweh und sie tranken den Wein
nicht mehr zum Genuß, sondern um sich zu trösten. Wenn uns aber Ritter
Dietrich von seinen Wäldern und Flüssen vorschwärmte, litten wir sehr
und fürchteten uns vor der Wildnis, die uns erwartete. Aber unsere
Herrin tröstete uns: "Auch dort wird es Paläste für den Kaiser geben,
und hat er sie nicht, werde ich dafür sorgen, dass sie gebaut werden."
Unsere kleine Herrin war nun Kaiserin und sie schien sich in dieser
Rolle sehr wohl zu fühlen, nur die ihr schlecht gesonnene Adelheid
störte sie ihn ihrem Glück.
August 972 : Unser Weg über die Alpen
Von Pavia aus ging es später in das Kloster nach Sankt Gallen. Um
dorthin zu
kommen, mussten wir aber erst einmal durch die Alpen und das war noch
schwieriger, als durch die Apenninen zu wandern. Für die
Alpenüberquerung nutzten wir den Lukmanierpass/Lucomagnopass. Er war
1200 m hoch - für
unseren Zug eine wahre Herausforderung! Zum Glück hatten wir gerade
August, so dass wir nicht noch mit Eis und Schnee zu kämpfen
hatten, sondern nur mit engen, steinigen Wegen und einer einer kleinen
Gerölllawine hier und da. Der junge Otto ritt neben unserer Herrin und
uns,

heiterte uns mit Geschichten auf, zum
Beispiel warum er "Otto der
Rote*" hieß.
Am 14. August erreichten wir das Kloster. Dort machten wir erst
einmal Station. Dort erlebten wir den geistreichen jungen Otto von
einer andere Seite. Während unsere Herrin mit dem alten Kaiser die
Staatsgeschäfte besprach (sehr zum Leidwesen der alten Kaiserin), zog
sich "der Rote" in die Klosterbibliothek zurück. Er konnte nicht nur
lesen, sondern schien regelrecht hungrig nach Erkenntnis zu sein. Der
alte Otto ließ ihn gewähren, denn:
"Wer studiert, macht keinen Aufstand. Ich stopfe ihn mit Bildung voll,
damit er zu grummeln aufhört. Außerdem schadet es nicht, als Kaiser
gebildet zu sein.", hörten wir ihn Kaiserin Adelheid gegenüber sagen.
Diese Studierleidenschaft machte allerdings den Mönchen in St. Gallen
Kummer und Sorge, denn unser junger Herr ließ
wertvolle Bücher und Pergamente einladen, um später seine Studien
fortsetzen zu können. Diese würden dem Kloster nun fehlen.
"Ich habe mir diese nur geliehen", lachte "der Rote" und sagte den
Mönchen: "Sobald ich mit mit meiner Arbeit fertig bin, lasse ich Euch
Euer Eigentum wieder zurücksenden."
Die Mönche sahen mit Bangen einen
Teil ihrer wertvollen Schätze, Bücher und Schriftrollen, die man auf
den Wagen verladen hatte, fortfahren.
Im letzten Teil berichtet Rebekka von der
Ankunft
in Magdeburg.